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Ein Teil von
  • Fotograf: Linn Bergbrant

  • Fotograf: Linn Bergbrant

  • Fotograf: Linn Bergbrant

Outdoor für anfänger

  • Johanna Wiman

Würdest du gerne in der wilden Natur Urlaub machen aber hast dich nie getraut? Keine Angst, es ist nie zu spät. Zwei Paddel-Anfänger nehmen dich mit auf eine Kajaktour in Dalsland und zeigen dir wie Outdoor-Abenteuer wirklich sind.

Balanceakt. In ein Kajak klettern ist schwieriger als es aussieht. Ein Bein nach dem anderen ist am einfachsten.

Entschlossen sticht mein Paddel zum ersten Mal in das glitzernde Nass. Das Kajak gleitet vorwärts. Vor mir liegt der See Svärdlången, einer der etlichen klaren Seen Dalslands, eingebettet zwischen schroffen Bergen und dunklen Wäldern. Das Seensystem Dalsland-Nordmarken (DANO) besteht zum größten Teil aus genau solchen langen, schmalen und tiefen, oftmals spiegelblanken Seen. Ein Traum für jeden Paddelanfänger.

 

Drei Tage lang werden ich und Fotografin Linn Richtung Norden paddeln. Erst durch den Svärdlången, dann in den Västra Silen und weiter im Östra Silen. Lautlos an den Ufern vorbeizugleiten ist natürlich ein unschlagbares Naturerlebnis. Vom Kajak spürst du den schweren Duft von Nadelwald und Erde und hörst das euphorische Gezwitscher der Vögel. Von hier aus kannst du unbemerkt scheue Tiere wie Biber, Elche und Rehe entdecken. Einfach perfekt, um so richtig nah an die Natur ranzukommen. Die Frage ist, ob echtes Outdoor-Leben und die damit verbundenen Strapazen, nicht vielleicht ein zu hoher Preis dafür sind. 

Schon allein das Einsteigen in ein Kajak ist eine wackelige Angelegenheit. Zum Schluss komme ich jedenfalls rein. Erst den Hintern und dann ein Bein nach dem anderen. Ich nehme Kurs auf einen Punkt auf der anderen Seeseite und versuche eine gerade Linie zu paddeln. Es geht einigermaßen, aber langsam. Fotografin Linn paddelt dagegen richtig schnell, allerdings im Zickzack. Auf diese Weise haben wir ungefähr das gleiche Tempo, nur das Linn mit ihrer Technik bestimmt doppelt so viele Kilometer wie ich paddeln wird. Was sie jetzt noch nicht weiß, ist, dass sie heute Nacht im Zelt mit einem Muskelkater aufwachen wird, von dem ihr „fast die Arme abfallen“. 

Es gibt viele gute Gründe dafür, dass man sich noch nie an avancierte Outdoor-Aktivitäten herangewagt hat. Ich selbst habe zwar meine Wurzeln in Dalsland und habe hier fast alle meine Sommer verbracht – aber nicht mit Zelt und Spirituskocher. Ganz im Gegenteil. Ich habe immer geglaubt, dass diese Art von Abenteuern nur für wildniserprobte Menschen ist, die jede Menge teure Outdoorklamotten im Keller haben, mindestens ein Hightech-Zelt und natürlich gut eingelaufene Wanderschuhe besitzen. Menschen mit sehnigen Muskeln, braungebrannten Gesichtern und unerschütterlich guter Laune. Solche die problemlos Feuer ohne Spiritus machen und ihre Notdurft unbeschwert hinter Büschen verrichten. Wenn man jetzt aber nur ein ganz normaler Mensch ist und die Abenteuererfahrungen sich auf Ferienhausurlaub und Pauschalreisen beschränken? Kann man trotzdem einen Outdoor-Urlaub wagen?

Wir werden es herausfinden.

Nach drei Stunden Paddeln haben wir Blasen an den Händen, verbrannte Arme aber erfreulicherweise auch wesentlich mehr Kontrolle über unsere Kajaks. Unsere Körper scheinen von ganz alleine entdeckt zu haben, wie man Paddel und Kajak koordiniert, um sich geschmeidig vorwärtszubewegen. Dass wir nicht an unsere Wasserflaschen kommen, weil wir sie ganz unten in die Boote gepackt haben, macht auch nichts. So weit nördlich ist das Wasser in den klaren dalsländischen Seen trinkbar. Man holt man sich einfach eine Handvoll Wasser aus dem See.  

Am See Svärdlången gibt es einige Einschränkungen im schwedischen „Jedermannsrecht“. Man darf hier nur auf den offiziellen Lagerplätzen übernachten. Also steuern wir einen davon an. Unser Platz liegt wunderschön auf einer kleinen Lichtung. Er bietet uns allerdings nicht mehr als eine Feuerstelle und Holz. Also gilt es jetzt die Wildnis zu bezwingen: Essen kochen und für ein Dach über dem Kopf sorgen. 

Was man noch nie gemacht hat, kann man natürlich nicht. Man muss es lernen. Wie soll man denn auch wissen wieviel Spiritus so ein Campingkocher brauch damit das Essen gar wird? Oder dass moderne Zelte, seit den Ausflügen in der Grundschule, eine technische Revolution erfahren haben? Ich fülle immer wieder Spiritus nach und Linn rauft sich die Haare bis das geliehene, moderne Zelt endlich steht. Aber Tatsache ist, wenn man muss, lernt man schnell! Und auch wenn gewisse Hilfsmittel, wie Taschenmesser, alles leichter machen, stellen wir fest, dass unsere Amateurausrüstung hervorragend funktioniert. Wir trinken aus Picknick-Weingläsern und essen aus geblümten Plastikschüsseln. 

Als wir später den kleinen Pfad zum Wasser runter-gehen, sind wir stolz. Das Essen ist fertig, wir haben einen Platz zum Schlafen und ich kann jetzt sogar, dank weiser Vorraussicht, zwei unserer vier Dosenbiere gekühlt aus dem See ziehen. Während die Sonne untergeht, genießen wir unser Abendessen am Seeufer. Um diese Tageszeit ist es einfach herrlich und Dalsland wunderschön. Das warme Licht streicht über die Tannenspitzen, das Wasser kluckert beruhigend. Weiche Nudeln und Dosenthunfisch waren nie leckerer. 

Als wir am nächsten Morgen in die Kajaks klettern, tun wir das voller Selbstvertrauen. OK, Fotografin Linn hat ziemlich unter ihrem Muskelkater gelitten und die Nacht auf den Isomatten war nicht ganz so bequem. Aber plötzlich fühlt sich alles viel stabiler an.

 

Nach einer Weile fühlt es sich an, als wäre das Kajak ein Teil von mir. Ein neuer praktischer Körperteil, der kooperiert und genau das tut, was mein Gehirn will. In der Tasche meiner Schwimmweste habe ich meine Karte, ordentlich gefaltet in einer Plastiktüte. In meinem Cockpit habe ich eine Tüte mit Mandeln und Trockenobst. Fast profimäßig. Als wir einer dänischen Familie mit Kanadiern und fragwürdiger Paddeltechnik begegnen, sitze ich extra gerade, mache ein paar extra kräftige Paddelschläge und lächle die fröhlichen Paddler großzügig an. Sehe ich da nicht sogar bewundernde Blicke? 

Dann ist es Zeit für unsere nächste Pause, die Mägen knurren und wir sind schweißnass. Bei den Pausen hat man den Bogen schnell raus; ran ans Ufer, hinstellen, das Kajak an Land ziehen. Das Gepäck rausholen, Spirituskocher an und dann kurz in den Wald für kleine Mädchen. Hände waschen, Essen machen, Kaffee kochen. Es dauert eine Weile bis man sich endlich auf den Klippen über seinen Proviant hermachen darf. Dieses Mal besteht das Festmahl aus gebratener Sojawurst mit Brot und Ketchup. Wir stellen fest, dass eine Tube Senf noch gut ins Gepäck gepasst hätte und überlegen ob wir nicht vielleicht sechs statt vier Dosen Bier hätten mittnehmen sollen. Wir planschen mit den Füssen im Wasser, trinken Pulverkaffee und schnipsen Ameisen von unseren Beinen. 

Nach dem Essen baden wir. Das Wasser ist herrlich kalt und gibt unseren müden Muskeln neues Leben. Über uns ist der Himmel vorsommerlich blau, das Seewasser duftet satt nach Wald und tief in mir macht sich ein Gefühl breit, ungefähr wie Ronja Räubertochters Frühlingsschrei. Gar nicht so verkehrt der Vergleich übrigens. Unser Pausenplatz liegt nämlich nur ca. 40 km vom Berg Sörknatten entfernt, und auf dem wurden große Teile des Films über Astrid Lindgrens Ronja gedreht. 

Lappland nennt man oft Europas letzte Wildnis, und Dalsland wiederum nennt man Europas nächste Wildnis. Und auch wenn Dalsland nicht so exotisch ist wie Nordschweden, gibt es Ähnlichkeiten. 

Die kleine Provinz besteht aus ländlichen, gegen die zunehmende Urbanisierung kämpfenden Kommunen. Viele Fabriken sind geschlossen worden. Eine auf paradoxe Weise wohltuende Leere ist die Folge. Und im Gegensatz zur Nachbarprovinz Bohuslän, dessen Küste dicht besiedelt ist, sieht man hier nur vereinzelt Sommerhäuser oder private Stege an den Seeufern. Hier herrscht Stille, Ruhe und Freiheit.

 

In Skifors erwartet uns unsere erste Portage. Zuerst versuchen wir, die Kajaks mitsamt dem Gepäck zu tragen. Weit kommen wir nicht. Wir denken um und packen aus und bekommen unerwartet Hilfe vom einem netten Norweger der hier mit seiner Frau Camping-Urlaub macht. Während wir unsere leeren Kajaks tragen, nimmt er unser Gepäck und ruckzuck schwimmen wir schon auf dem nächsten See: dem Västra Silen. 

Der Himmel wird mit einem Mal dunkelgrau und es rumort unglücksverheißend über unseren Köpfen. Wir paddeln an Land, ziehen unsere Regenjacken über, warten etwas und paddeln wieder los. Wir wollen auf die andere Seite. Fast mitten im See erwischt uns das Gewitter mit voller Kraft. Die Donnerschläge sind so heftig, dass man sie im Kajakboden spüren kann. Und währen die Blitze den Himmel erleuchten, paddeln wir frenetisch wieder Richtung Land zurück zum nächstbesten Lagerplatz. Dann kommt der Regen. Schwere Tropfen peitschen aufs Wasser. Als wir das Ufer erreichen und den Windschutz hinter den Birken sehen, atmen wir erleichtert aus.  

Vielleicht ist es genau das in der wilden Natur, was uns abschreckt und gleichzeitig anzieht: man kann sie nicht kontrollieren. Sollte man vorher keinen Respekt vor dem Wetter gehabt haben, dann bekommt man ihn auf jeden Fall allein in einem Kajak auf offenem Wasser bei Gewitter.  

Man kann nicht anderes tun als sich fügen, sich im Windschutz verkriechen und abwarten. Irgendwann ändert sich das Wetter. Das tut es immer. Dieses Mal auch. Die Sonne kommt wieder hervor und fast sofort ist die Luft tropisch feucht. Es ist spät geworden und wir beschließen, unser Nachtlager hier aufzuschlagen. Es scheint als hätten wir schon jetzt Rutine darin. Der Zeltaufbau und das Kochen gehen schnell. Nach nur zwei Tagen arbeiten wir effektiv und gut eingespielt. 

Ein paar Stunden später sitzen wir bei Dosenbier, Salz-gebäck und einem etwas angeschlagenen Schimmelkäse auf den Klippen. Tiefhängende Nebelschwaden ziehen über den See. Es ist so still, dass wir mühelos die Gespräche der Angler draußen auf dem See mithören können. Wie oft sitzt man heutzutage schon so? Ganz still, in einen Himmel starrend, der sich langsam rosa färbt, während der Kopf die Eindrücke des Tages verarbeitet.

 

Allein dieser Moment ist jeden einzelnen Paddelschlag wert.

 

Unsere besten erfahrungen:

1. Sieh zu, dass du Sachen, die du während deiner Paddeltour brauchst, in greifbarer Nähe verstaust. Wenn du erstmal auf dem Wasser bist, ist es wackelig und schwierig umzupacken. Denk daran, dass alles von den Paddelspritzern nass wird; leg z. B. deine Karte richtig gefaltet in eine Plastiktüte. 

2. Eine Kajaktour kann ganz unterschiedlich aussehen; lebhaft mit vielen Schleusen oder ruhig und entspannt. Du kannst sie auch mit wandern oder einer Draisinenfahrt kombinieren. Dein Kanuverleih ist dir gerne bei der Planung behilflich.

3. Pack kleine Einheiten und leg alles in wasserdichte Säcke/Taschen. Solltest du kentern, wird alles nass. Was du bei deiner nächsten Pause brauchst, verstaust du oben. 

4. Wenn du das Kajak längere Strecken tragen musst, pack das schwere Gepäck aus. 

5. Vergiss alle Hygieneartikel. Ein Kulturbeutel braucht eigentlich nicht mehr als Zahnbürste, Zahnpasta, Sonnenschutz, Toilettenpapier, Pflaster für die Blasen und eventuell Medikamente zu enthalten. 

6. Hast du kein passendes Outfit? Nimm normale Trainingssachen. Hose und Shirt aus Funktionsmaterial reichen völlig. 

7. Kauf keine teure Ausrüstung. Wir haben uns Kajaks und Spirituskocher gemietet. Wasserdichte Packsäcke, Isomatten, Schlafsäcke, Taschenmesser und Zelt haben wir uns geliehen.